Abgeschrieben?

Lesezeit: 5 Minuten

Ein kleiner Fehler reicht manchmal. Und du bist bei den Leuten voll abgeschrieben. Nicht so aber bei Gott!

Ein Streit 

„Darüber kam es zu einer so heftigen Auseinandersetzung, dass sich die beiden trennten.“ (Apostelgeschichte 15, 39)

Wie ehrlich die Bibel doch ist! Sie verschweigt wirklich nichts. Sie lässt die dunklen Momente nicht aus, auch wenn es ihre Helden schlecht aussehen lässt. Und hier muss es echt hoch hergegangen sein. Das war ein ganz großer Streit. Einer, bei dem danach erst mal alles ganz anders ist als vorher.

Diese Meinungsverschiedenheit führte zu einem Zerwürfnis, dazu, dass sich zwei enge Freunde, die viel miteinander erlebt und auch Schweres durchgemacht hatten, sich entzweiten und getrennte Wege gingen.

Ob sie sich zu einem späteren Zeitpunkt wieder begegneten und versöhnten, wissen wir nicht genau. Eine Fortsetzung dazu gibt es in der Bibel nicht, lediglich ein paar Hinweise.

Auf ein Neues

Lass uns wieder aufbrechen und die Geschwister in all den Städten besuchen, in denen wir die Botschaft des Herrn verkündet haben. Wir müssen doch sehen, wie es ihnen geht!“ (Apostelgeschichte 15, 36)

Paulus und Barnabas hatten eine aufregende und erfolgreiche Missionsreise hinter sich gebracht. Zwar hatten sie viel Widerstand, Anfeindungen und Verfolgung erlebt. Aber schließlich waren auch eine große Anzahl von Menschen zum Glauben gekommen. In Kleinasien waren in etlichen Städten junge Gemeinden entstanden. Das Spektakuläre daran war, dass nicht nur Juden, sondern gerade auch viele Leute aus den anderen Völkern, von den Heiden also, Christusnachfolger geworden waren und nun gemeinsam in den Versammlungen geschwisterliche Gemeinschaft lebten.

Nach ihrer Rückkehr nach Antiochia (Syrien) dienten Paulus und Barnabas wieder einige Zeit in der Gemeinde, die sie zu ihrer Missionsreise ausgesandt hatten.1

Doch nun „juckte“ es Paulus wohl erneut und es lag ihm auf dem Herzen, die Orte, an denen sie das Evangelium verkündet hatten, und die jungen Christengemeinden zu besuchen. Wie hatte es sich dort weiter entwickelt? Wie war es den Geschwistern wohl seither ergangen? Das waren die Fragen, die Paulus umtrieben.

Ein fataler Vorschlag

Und dann, beim Hin- und Herüberlegen, machte sein Freund Barnabas, diesen Vorschlag, der Paulus so gegen den Strich ging, dass dieser heftige Streit entbrannte, der schließlich dazu führte, dass sie getrennte Wege gingen.

Das war nun wirklich kein gutes Vorzeichen für eine hoffentlich erfolgreiche zweite Missionsreise!

Aber worum ging es eigentlich bei dieser Auseinandersetzung? Oder besser gefragt – um wen?

Der Junge

„Barnabas ´war damit einverstanden,` nur wollte er auch Johannes mitnehmen – Johannes mit dem Beinamen Markus.“ (Apostelgeschichte 15, 37)

Johannes sollte mitkommen. Das war das Anliegen des Barnabas. Wiedereinmal – denn Johannes war kein unbeschriebenes Blatt. Er war bereits bei der ersten Missionsreise dabei und hatte Paulus und Barnabas zu Diensten gestanden.2 „Prima, dann hatte Johannes ja bereits Erfahrungen und war somit bestens geeignet!“, könnte man da meinen.

Doch das wäre sicherlich eine vorschnelle Einschätzung. Denn schließlich war Johannes nicht lange bei der Stange geblieben. Als sie in der Heimat des Barnabas3, in Zypern, umherzogen, war Johannes noch mit dabei. Kaum aber waren sie von dort aus per Schiff nach Perge in Pamphylien (Kleinasien) gereist, verließ Johannes Barnabas und Paulus und kehrte nach Jerusalem zurück.4

Was seine inneren Beweggründe dafür gewesen sein mochten, ist uns nicht überliefert. Für Paulus zählten in diesem Falle jedenfalls nur die Fakten. Und Tatsache war: Johannes hatte sie im Stich gelassen und nicht weiter mitgeholfen den Auftrag Gottes zu erledigen!5

Deswegen kam es für Paulus auch jetzt überhaupt nicht in Frage, dass Johannes bei der anstehenden Reise mitkam. Das passte überhaupt nicht. Schließlich brauchte man jemanden, der zuverlässig war und auf den man sich zu hundert Prozent verlassen konnte!

Sohn des Trostes

„Was hast du dir bloß dabei gedacht, mein Freund, so einen Vorschlag zu machen?“, sprudelte es da wahrscheinlich aus Paulus heraus. „Das kann doch nicht dein Ernst sein, dass wir den Johannes Markus mitnehmen!“

Doch, doch, das war es tatsächlich, was Barnabas unbedingt wollte! Und es war ihm offensichtlich ein so großes Anliegen, dass er sich auf diesen Konflikt mit Paulus einließ.

Um Barnabas zu verstehen, müssen wir uns, denke ich, mit seiner Persönlichkeit und Biographie beschäftigen.

Josef, so sein richtiger Name, wurde erst von den Aposteln in Jerusalem Barnabas, das heißt übersetzt „Sohn des Trostes“, genannt.6

In diesem Namen spiegelte sich sein Charakter wieder. Barnabas kümmerte sich um andere Menschen und setzte sich für sie ein. So verkaufte er beispielsweise ein Grundstück und gab den Erlös an die Gemeinde, damit er bedürftigen Glaubensgeschwister zu Gute kam.7

Ganz offensichtlich hatte Barnabas auch einen besonderen Blick für Menschen, die abseits standen und auf die niemand setzen wollte.

Paulus hatte das ja selbst erlebt. Viele der Gläubigen in Jerusalem hatten zunächst Angst vor Paulus, dem ehemaliger Christenverfolger, als er, zum Glauben gekommen, Anschluss an die Gemeinde suchte. Doch Barnabas erkannte, dass seine Bekehrung echt war, nahm ihn auf, führte ihn zu den Aposteln und setzte sich bei ihnen für Paulus ein.8

Später war es wiederum Barnabas, der Paulus in Tarsus aufsuchte, um ihn nach Antiochia als Mitarbeiter in die Gemeindearbeit zu holen.9

Er galt sowohl den Christen in Jerusalem als auch später denen in Antiochia als ein bewährter, vom Heiligen Geist erfüllter Gläubiger, dem man wichtige Aufträge anvertrauen konnte.10

Eine andere Sichtweise

Und so hatte Barnabas einen anderen Blick auf Johannes Markus als der Apostel Paulus. Offensichtlich sah Barnabas in Johannes Markus etwas, das Paulus nicht erkennen konnte.

Paulus schaute auf die Vergangenheit und damit auf die schlechten Erfahrungen mit Johannes. Für Paulus war Johannes ein Versager und für den anspruchsvollen und gefährlichen Missionsdienst im Reich Gottes nicht geeignet.

Doch Barnabas sah nicht nur nach hinten, auf die falschen Entscheidungen von gestern, sondern auch nach vorne. Er konnte das Potenzial, die Möglichkeiten des Johannes sehen. Barnabas erahnte wahrscheinlich, dass Gott Johannes nicht abgeschrieben hatte und noch Großes mit ihm vorhatte.

Weil es das wert ist

Ich finde es gut, dass die Bibel uns von diesem Barnabas erzählt. Das macht Hoffnung und tröstet. Bei all dem Versagen, den Schwächen und den Fehlschlägen, die uns als Menschen auszeichnen, leuchtet sein Charakter wie ein helles Licht auf und teilt uns nicht nur etwas von ihm, sondern vor allem auch von Gott mit.

Für mich ist dieser Barnabas ein Spiegelbild der Barmherzigkeit Gottes. Klar, er hat sich heftig mit Paulus gestritten und du fragst dich vielleicht unwillkürlich: „Musste das sein? Musste Barnabas wirklich seine Freundschaft mit Paulus auf’s Spiel setzen? Wegen Johannes, wegen dem, der sie im Stich gelassen hatte?“

Für Barnabas war es das offensichtlich wert. Er konnte etwas in Johannes Markus sehen, wofür er bereit war zu kämpfen.

Genau so ist Gott. Er gibt uns nicht auf und schreibt uns einfach ab. Trotz all unserer Unzulänglichkeiten hält er an uns fest. Wenn auch unser Glauben an ihn schwach ist, glaubt er ganz stark an uns. Er sieht etwas in uns, das wir vielleicht noch nicht erkennen können.

Was ist das bloß? Es ist das, was in der Zukunft liegt. Es sind die Möglichkeiten, seine Möglichkeiten, die ER in und durch uns verwirklichen kann. ER hat gute Absichten für uns. Sein Ziel, das ER mit uns erreichen will, hat er voll im Blick. Gott arbeitet dran, damit es Wirklichkeit wird. Und er kämpft – für uns!


1 vgl. Apostelgeschichte 15, 35
2 vgl. Apostelgeschichte 13, 5
3 vgl. Apostelgeschichte 4, 36
4 vgl. Apostelgeschichte 13, 13
5 vgl. Apostelgeschichte 15, 38 in Verbindung mit Apostelgeschichte 13, 2 + 5
6 vgl. Apostelgeschichte 4, 36
7 vgl. ebenda Verse 32 – 37
8 vgl. Apostelgeschichte 9, 26 f.
9 vgl. Apostelgeschichte 11, 25 f.
10 vgl. ebenda Verse 22, 24 und 30

Bibelverse zitiert aus:
Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen
Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft
Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.


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Über den Autor:

Torsten Ratschat, gebo­ren 1967, ist leitender Angestell­ter in der Stahl­industrie. Er ist verhei­ratet und hat 3 erwach­sene Kinder.

„Gottes Plan beinhaltet, dass mit unbekannten Leuten an unwichtigen Plätzen zu belanglosen Zeiten etwas ganz Großartiges und Wunderbares geschieht.“

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Eine Antwort

  1. Günter Romer sagt:

    Gut, dass selbst Menschen, die als Heilige gelten, doch nur auf dem Weg zur Heiligkeit sind, nicht immer eins sein können. Das wäre langweilig und würde jegliche Entwicklung und Entfaltung hemmen, mitunter verhindern.

    Torsten, ich lerne durch deine Vorstellungskraft, die Du zwischen den Zeilen des Buches der Bücher entfaltest, viel neues. Mir gefällt wie Du zwischen den Zeilen der Apostelgeschichte viel menschliches erkennst und es an deine Leser weiter gibst.

    Es ist heute nicht viel anders als früher. Warum auch? Wir sind noch lange nicht vollendet. Nur auf dem Weg, mehr und mehr Ganz und damit Gottgefällig zu werden. Eine unendlich lange Reise, auf der es viele Schatten zu integrieren gilt, die bis zum Ende unserer irdischen Tage und endgültigen Erlösung aller irdischen Verhaftungen weiter geht.

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