Abgelenkt

Lesezeit: 4 Minuten

Denn das Reich Gottes ist nicht …

A) Brot und Wein.

B) Essen und Trinken.

C) Wasser und Brot.

D) Gemüse oder Fleisch.

So oder ähnlich könnte eine Aufgabe von Günther Jauch bei „Wer wird Millionär?“ lauten. Das besondere hier ist allerdings, dass es zwar einerseits nur eine richtige Antwort gibt, andererseits aber alle Antworten stimmen.1

Als der Apostel Paulus seinen berühmten Brief an die Römer schrieb, hatte er sich auch mit einigen praktischen Fragen zu beschäftigen, die gerade in der Gemeinde in Rom aktuell waren. So war beispielsweise das Einhalten von Speisevorschriften und Feiertagen ein brennendes Thema. Hierüber gab es offensichtlich wilde Diskussionen und Streit, sodass sich Paulus dem im 14. Kapitel widmen musste.

Wir lesen davon, dass es in der Gemeinde Leute gab, die Fleisch aßen, während andere dies ablehnten.2 Natürlich kennen wir das heute auch. Wenn wir jemanden zum Essen einladen, fragen wir besser vorsorglich vorher nach, ob es Restriktionen für den Speiseplan gibt. Die Gründe hierfür können vielfältig sein. Neben Leuten mit Unverträglichkeiten oder Allergien trifft man auch in diesen Tagen immer wieder Menschen, die die vegetarische oder vegane Ernährung, zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen oder wegen des Tierwohls, bevorzugen.

In den damaligen Gemeinden ging es dabei aber vor allem um religiöse Motive. Wir müssen uns das einmal vorstellen: Was waren das für Leute dort? Genau, in der Gemeinde trafen ehemalige Juden und Heiden aufeinander.

Die Judenchristen waren in einem Umfeld groß geworden, in dem Reinheits- und Speisevorschriften sehr wichtig waren. Manche Speisen, insbesondere Schweinefleisch, waren streng verboten. Nach jüdischem Glauben verunreinigte das Essen bestimmter Zutaten die Menschen. Oder aber, zu bestimmten Feiertagen durften nur bestimmte Lebensmittel gegessen werden. So war beispielsweise für das Passafest genau vorgeschrieben, was wie vorbereitet zu essen war. All das können wir unter anderem im 2. und vor allem im 3. Buch Mose nachlesen.

Darüber hinaus gab es ein weiteres Problem. Die ehemaligen Heiden hatten die Gewohnheit in die Tempel und Heiligtümer ihrer Götter zu gehen und ihnen dort Tiere zu opfern. Das Fleisch dieser Tiere wurde dann häufig auf den Märkten verkauft. In der Praxis war es dann so, dass die Käufer sich nicht immer sicher sein konnten, ob es sich bei dem angebotenen Fleisch um „religiös unbelastetes“ Fleisch oder um dieses sogenannte Götzenopferfleisch handelte. Dies verkomplizierte die Essensfrage für die Judenchristen also noch zusätzlich.

Aber nicht nur für die Judenchristen war das ein schwieriges Thema. Viele Heiden, die sich zu Jesus Christus bekehrt hatten, fragten sich nun, ob es noch in Ordnung wäre ihren früheren Gewohnheiten nachzugehen. Konnten sie jetzt wirklich noch guten Gewissens von dem Fleisch essen, das zuvor ihren früheren Göttern dargebracht worden war? So verzichteten viele von ihnen letztlich lieber freiwillig ganz auf das Essen von Fleisch.

In der Gemeinde waren nun alle diese Menschen zusammen. Da gab es Leute, die die innere Freiheit hatten ohne Bedenken alles zu essen. Und dann kamen andere hinzu, die aus Gewissensgründen auf bestimmte Speisen verzichteten oder sie mit tiefer religiöser Überzeugung verabscheuten. Ich denke, wir können uns vorstellen, was da los war, wenn man sich gegenseitig zum Essen einlud oder gar als ganze Gemeinde zum Essen zusammenkommen wollte!

Vielleicht schüttelst du jetzt aber auch nur den Kopf und sagst: „Wie konnten die nur? Mit ein bisschen Toleranz und gegenseitiger Rücksichtnahme kann so etwas doch kein Problem sein!“

Ist dieses Thema also für uns nicht mehr relevant? Weil wir uns als Christen weiterentwickelt haben und solche Fragen und Hindernisse längst überwunden haben?

Zunächst möchte ich dich einladen einmal das 14. Kapitel des Römerbriefes aufmerksam zu lesen. Ich habe das früher auch häufig nur so überflogen, aber Paulus Ausführungen und seine Argumentationslinie sind einfach genial! Und dann nimm vielleicht gleich noch 1. Korinther 8 hinzu.

Wie denkst du nun darüber? Sind wir heute wirklich reifer als die Christen damals?

Nun, die Diskussionen sind heute wahrscheinlich andere, aber die Anzahl der Kontroversen und die Heftigkeit der Auseinandersetzung darüber haben unter den Gläubigen sicherlich nicht abgenommen.

Denken wir doch beispielsweise einmal kurz über folgende Fragen nach:

  • Moderne Musik mit englischen Texten im Gottesdienst – ja oder nein?
  • Welche Kleidung ist für den Gottesdienst angemessen?
  • Darf ein Christ fernsehen, ausgehen und feiern, eine Sauna besuchen, Karten spielen etc. ?

oder ganz frisch:

  • Ist es in der aktuellen Pandemie in Ordnung Gemeindeveranstaltungen fern zu bleiben und die Gottesdienste nur am heimischen Monitor zu verfolgen?
  • Und wie ist das mit dem Impfen oder Nicht-Impfen?

Unterstellungen und Vorwürfe, hitzige Diskussionen, rücksichtsloses Verhalten und Reden, arrogantes Besserwissen, gegenseitiges Richten und Verurteilen, schmerzhafte Blessuren und Verletzungen – hat das wirklich in Gemeinden und unter Geschwistern aufgehört?

Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken … .“ „Jawohl!“, kann man da nur sagen, so ist es!

Aber leider lassen wir uns immer wieder so leicht vom Wesentlichen ablenken. In der Gemeinde. Aber auch im persönlichen Alltag. Gerade hier erwische ich mich manchmal dabei, wie an sich eher kleinere Punkte und Themen auf einmal so wichtig für mich werden und letztlich unheimlich viel Platz in meinem Leben einnehmen. Was das doch oft an Zeit und Kraft kostet!

Denke auch mal darüber nach: Wenn uns die anderen, die Außenstehenden beobachten. Was werden sie wohl über uns Christen und das Christsein denken? Sie hören, was wir diskutieren, sehen, womit wir uns beschäftigen und nehmen wahr, wie wir miteinander sowie mit anderen außerhalb unserer „frommen“ Kreise umgehen.

Oh, ich glaube mir wird gerade schlecht! Was wir doch manchmal für ein Bild abgeben. Machen wir uns, die Gemeinde, das Christsein, die Sache Gottes, ja Gott selbst wirklich oft so klein? Müssen wir uns da wundern, dass unser Glauben an den allmächtigen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, für unseren Partner, unsere Kinder und Eltern, unsere Freunde und Nachbarn, unsere Mitschüler, Arbeitskollegen und Bekannte so wenig attraktiv ist? Wenn ich mich damit beschäftige, werde ich ganz demütig. Alles in mir schreit dann nach Veränderung und Umkehr. Und nach dem grenzenlosen Erbarmen Gottes, das ich, wie mir dann bewusst wird, immer noch und vielleicht dringender denn je brauche.


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1 Die richtige Antwort findet sich in Römer 14, 17
2 vgl. Römer 14, 2

Bibelverse zitiert aus:
Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Die Verwendung des Textes erfolgt mit Genehmigung der Deutschen Bibelgesellschaft.


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Über den Autor:

Torsten Ratschat, gebo­ren 1967, ist leitender Angestell­ter in der Stahl­industrie. Er ist verhei­ratet und hat 3 erwach­sene Kinder.

„Gottes Plan beinhaltet, dass mit unbekannten Leuten an unwichtigen Plätzen zu belanglosen Zeiten etwas ganz Großartiges und Wunderbares geschieht.“

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