Deutschland, mein Wunder!

Lesezeit: 7 Minuten
Berlin, 04. November 1989

„Ich will singen von der Gnade des HERRN ewiglich und seine Treue verkünden mit meinem Munde für und für.“ (Psalm 89, 2)

Diese Momente sind selten, aber es gibt sie. Manchmal hat man die Gelegenheit dabei zu sein, mittendrin, am Ort des Geschehens. Oder nur so am Rande. Aber immerhin nah genug, um die Stimmung und die Bedeutung des Augenblickes zu spüren. So ist es mir damals, vor etwa 30 Jahren auch ergangen. Erst später habe ich begriffen, dass dies ein Moment war, den ich heute „historisch“ nennen würde.

Ein Mauer-Foto

Es gibt sogar ein Foto davon. Ich sitze halb auf einem Geländer. Neben mir steht ein Mann, der eine Zeitung, den Ostfriesischen Kurier, weit aufgeschlagen hält, in die wir beide neugierig hineinschauen. Hinter uns ist eine hohe Mauer zu sehen, die das gesamte Foto beherrscht. Sie ist völlig beschmiert mit Graffiti, man sieht vor allem unzählige aufgesprühte Wörter darauf.

Was, um Himmels Willen, macht ihr mit dem Ostfriesischen Kurier vor der Berliner Mauer?

Die Meisten davon kann man nicht lesen. Aber an einer Stelle steht „Peter“ und an einer anderen das Wort „SNEEK“ in Großbuchstaben. Hinter der Mauer ragen Bäume hervor. Daneben sieht man noch eine Etage von einem großen, alten Gebäude.

Dieses Foto stammt von Anfang November 1989. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es am 04. November 1989, am späten Nachmittag geschossen worden sein muss. Es ist ungewöhnlich, dass ich mich so genau daran erinnere. Aber in diesem Fall gibt es ja auch einen besonderen Grund dafür. Wer es aufgenommen hat? Das weiß ich nicht mehr. „Was, um Himmels Willen, macht ihr mit dem Ostfriesischen Kurier vor der Berliner Mauer?“, hat mich mal einer gefragt. Diese Geschichte ist schnell erzählt.

Der Zivi

Ende 1989 machte ich gerade meinen Zivildienst in Ostfriesland. Aus Gewissensgründen hatte ich den Kriegsdienst verweigert. An Stelle des Grundwehrdienstes war dann Zivildienst abzuleisten – statt fünfzehn Monate damals zwanzig Monate für das Vaterland. Stand die vergleichsweise längere Dienstzeit für eine geringere Wertschätzung? Ich habe keine Ahnung. Vielleicht sollte dies ja auch abschreckend auf die jungen Männer wirken. Für mich spielte das keine Rolle – es war mir schlicht egal. Den Einsatzort für den Zivildienst konnte man damals wählen. Nicht ganz – natürlich musste ich mich bewerben.

Und so hatte es mich in eine christliche Einrichtung nach Norden-Norddeich verschlagen. Ich wollte mal weg von zuhause. Und obwohl ich das mit dem Glauben noch nicht richtig kapiert hatte, waren mir christliche Werte schon damals wichtig. Nach einiger Zeit des Arbeitens an verschiedenen Stellen in diesem Werk bot sich mir die Gelegenheit jugendliche Vietnamesen zu betreuen. Die jungen Leute waren damals als sogenannte „boat people“ den enormen Schwierigkeiten in ihrem Heimatland entflohen und ohne Begleitung durch Eltern oder andere erwachsene Verwandte nach Deutschland gekommen. In der Einrichtung, in der ich arbeitete, waren sie nun untergebracht, konnten in Norden zur Schule gehen und später eine Berufsausbildung beginnen.

Mit einer Gruppe der Jugendlichen sind wir dann Anfang November 1989 für einige Tage nach Berlin gefahren. Als Zivildienstleistender oder „Zivi“, wie wir damals genannt wurden, hatte ich das große Glück mitfahren zu dürfen. Damals lief beim Ostfriesischen Kurier eine schöne Aktion. Die Leser waren aufgefordert worden, Fotos von ihren Reisen einzusenden. Die Bedingung war, dass neben dem Leser bzw. der Leserin auch der Ostfriesische Kurier in guter Pose dargestellt werden sollte. Mein Kollege fand das gut, wollte mitmachen und so entstand das Foto an der Berliner Mauer.

Nie geahnt

Wie hätten wir damals ahnen können, was sich knapp eine Woche später dort abspielen sollte? Ja, natürlich hatten wir bemerkt, dass es da rumorte. An einer anderen Stelle der Mauer gab es kleine Aussichtsplattformen.

Ein paar Tage später geschah er dann, der sogenannte Mauerfall.

Wir waren hinaufgestiegen, um von dort auf die andere Seite, in den Ostteil der Stadt zu schauen. Und da hatten wir es gesehen. Es gab an diesem Tag eine große Demonstration. Unzählige Menschen strömten dort an der Mauer in der Nähe eines Grenzpostens zusammen, um zu protestieren.

Ein paar Tage später geschah er dann, der sogenannte Mauerfall. Dort, wo sich knapp 30 Jahre lang der „Eiserne Vorhang“ mitten durch Europa zog, wurde plötzlich die Grenze geöffnet und die Menschen strömten zu Zehntausenden voller Freude aus dem sozialistischen Osten nach West-Berlin, in den freien Teil der Stadt. Das, was kein Mensch für möglich gehalten hatte, war geschehen. Und das Wunder setzte sich fort. Binnen einen Jahres brach die SED-Diktatur1 zusammen, löste sich die DDR2 auf und es entstand die staatliche Einheit Deutschlands. Diese Entwicklung war ebenso rasant wie beeindruckend. Ständig gab es Neuigkeiten im Fernsehen und in der Zeitung. Irgendwie fühlte man sich damals mittendrin und in manchen Momenten kam sogar Euphorie auf.

Familiengeschichten

Im Rückblick betrachtet war und ist das für mich etwas ganz Besonderes. Das liegt mit Sicherheit an den persönlichen Bezügen, die mich mit diesen historischen Ereignissen verbinden. Mein Vater ist in Berlin aufgewachsen – er kommt aus dem Ostteil dieser Stadt. Nach dem Krieg war er in das westliche Stadtgebiet umgezogen, um an der Universität Eisenhüttenkunde zu studieren. Im Anschluss fand er eine Anstellung in einem Stahlwerk im Ruhrgebiet und lernte dort meine Mutter kennen. Dann wurde in Berlin die Mauer gebaut, die ihm den Besuch und den persönlichen Kontakt zu seiner Familie in Ost-Berlin für viele Jahre unmöglich machte.

Der Eiserne Vorhang führte somit nicht nur einfach zu einer Teilung von Deutschland, sondern beeinflusste auch die Geschichte meiner Familie unmittelbar.

Meine Familie wohnt hier …

Noch heute kann ich es kaum richtig fassen und begreifen, dass mein Vater seinen Vater und seine Schwester erst etwa 10 Jahre nach dem Mauerbau wiedergesehen hat. Was muss das für eine Begegnung gewesen sein nach all den Jahren! Es kommt mir beinahe unwirklich vor, wenn ich mich an diese Geschichte erinnere, die er uns einmal erzählt hat. Mein Vater war mit seinem Chef damals dienstlich in Berlin unterwegs. Er erwähnte beiläufig, dass seine Familie, die er schon seit Jahren nicht gesehen hatte, in der Nähe wohne. Sein Chef sei damals erstaunt und gleichzeitig sehr berührt und ergriffen gewesen. Kurzentschlossen schlug er einen Abstecher zur Familie meines Vaters vor. Ja, er drängte meinen Vater fast dazu!

Woran ich mich erinnere

Aufgrund des Mauerbaus habe ich meinen Großvater lediglich ein einziges Mal gesehen. Er ist damals für ein paar Tage zu uns nach Hause gekommen. Bei besonderen Anlässen konnte man in der DDR einen Antrag für einen Familienbesuch in der Bundesrepublik stellen. Ich erinnere mich nicht mehr, wann das und was der genaue Anlass war. Es muss in den 70er Jahren gewesen sein. Jedenfalls stand er eines Tages, gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau, der dicken Gertrud, wie meine Eltern damals sagten, vor unserer Wohnungstüre.

Seine Stimme habe ich nicht mehr im Ohr. Ein vages Bild, ja, aber ich bin mir nicht sicher, ob es nicht eher das Bild eines alten Fotos von meinem Großvater ist. Ich denke, dass er damals sehr nett zu uns Kindern war, zu meinem Bruder und mir. Das würde jedenfalls sehr zu meinem Vater passen und deshalb gefällt mir diese Vorstellung. Ansonsten erinnere ich mich, dass meine Eltern zu Weihnachten immer ein großes Paket nach Ostberlin geschickt haben und im Gegenzug auch ein Päckchen, häufig mit einem Dresdner Christstollen drin, bei uns eintraf.

Als dann die Mauer fiel, ich war gerade Anfang 20, reiste ich selbst das erste Mal, gemeinsam mit meinem Bruder, nach Ostberlin zu unseren Verwandten. Dort lernte ich dann meine Tante und meinen Cousin persönlich kennen. Die Zeit schien mir dort stehengeblieben zu sein. Es fühlte sich im Osten alles noch so nach Nachkriegszeit an. Die Straßen, die Häuser, einfach alles sah so aus wie in den Schwarzweiß-Filmen der frühen 60er-Jahren: alt, grau und trist. Nicht nur die beiden Teile Deutschlands hatten sich stark unterschiedlich entwickelt. Auch durch unsere Familie war dieser Riss der Teilung gegangen und ich spürte diese Entfremdung. Wenn ich zurückschaue, dann ist durch die Teilung Deutschlands, durch diese Episode deutscher Geschichte in unserer Familie vieles anders gelaufen, als es wohl ansonsten gewesen wäre.

Nicht mehr wie vorher

Wenn ich heute die alten Fotos aus der Jugend meines Vaters anschaue und sehe, wie sie damals fröhlich als Familie miteinander gefeiert haben, dann muss ich feststellen, dass es nach der Wiedervereinigung nicht mehr wieder so wie früher geworden ist. Meine Eltern sind nach der Wende nie nach Berlin gefahren. Meine Tante und mein Cousin waren in all den Jahren danach immerhin zwei- oder dreimal bei uns zu Besuch. Klar, die große räumliche Entfernung trug sicher ebenso dazu bei, dass man sich kaum gesehen hat. Trotzdem, irgendwie finde ich das auch traurig. Wenn ich darüber nachdenke, hätte ich mir das anders gewünscht. Daheim war das allerdings kein Thema. Wir haben, glaube ich, zu keiner Zeit wirklich darüber geredet. Und so ist das eben in unserer Familie heute weiterhin beinahe ohne Mauer genau so, wie es davor mit Mauer einmal war. Wir gehören zusammen und sind uns gleichzeitig irgendwie fremd.

Einfach nur GNADE

Dennoch hat diese Sache mit dem überraschenden Mauerfall eine ganz besondere Bedeutung für mich. Für mich ist sie etwas ganz Wunderbares. Für mich zeigt sich darin die Kraft, die Macht und die Gnade Gottes! Am Ende des zweiten Weltkrieges gab es ein Deutschland, das eigentlich kein Land mehr war: Trümmer, Zerstörung, Schuld und unendliches Leid. Deutschland lag völlig am Boden. Das deutsche Volk hatte millionenfachen Tod über ganz Europa und Russland gebracht. Es hatte eigentlich kein Recht mehr, einen eigenständigen und würdigen Platz in der Gemeinschaft der Völker einzunehmen. Wenn ich hingegen heute in mein Heimatland schaue, dann sehe ich ein anderes Land und ein anderes Volk.

Darüber hinaus gibt es – bei allen nicht zu vernachlässigenden aktuellen Schwierigkeiten – tatsächlich auch so etwas wie die blühenden Landschaften, die Vision, die uns der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl 1990 für die Entwicklung der neuen Bundesländer in Aussicht gestellt hatte. Wenn ich an die Gewalt, die Brutalität, den Tod und die Zerstörung des zweiten Weltkrieges denke, dann bin ich noch heute überwältigt davon, dass die Wiedervereinigung Deutschlands ohne all das ausgekommen ist. Hierfür fällt mir nur ein einziger Begriff ein: GNADE! Der Mauerfall in Berlin ist für mich der sichtbare Ausgangspunkt für die blühenden Landschaften. Er symbolisiert für mich diese Gnade, die Gott meinem Volk, die Gott Deutschland geschenkt hat.

Hierfür fällt mir nur ein einziger Begriff ein: GNADE!

Der Zeuge

Dieses Ereignis ist eines der großartigsten Wunder Gottes der letzten 100 Jahre in Deutschland. Und es ist eine der wunderbarsten historischen Taten Gottes, die ich miterlebt habe. Hiervon möchte ich Zeugnis geben.

Wenn ich an diese Ereignisse denke, empfinde ich Demut und große Dankbarkeit. Auch wenn bei uns als Familie nicht wieder alles gut und so wie früher geworden ist. Auch wenn nicht alle Risse der Teilung, der Verletzungen und Entfremdung wieder geschlossen und überwunden werden konnten. Dennoch! Wie groß und wunderbar ist diese Gnade Gottes, mit der er uns und unser Land gesegnet hat. Mit der er uns wiederhergestellt und aufgebaut hat.

Nicht vergessen

Diese Zeilen sollen aber auch mein persönlicher Beitrag gegen das Vergessen sein.

Deswegen denke ich gerne an den Mauerfall, an ‘Deutschland, mein Wunder!

Wir sollten nicht vergessen, woher wir kommen. Und wir sollten vor allem nicht den vergessen, der der Ursprung von allem ist und dem wir alles zu verdanken haben.

Leider muss ich feststellen, dass genau dies in unserer Gesellschaft immer mehr um sich greift. Gott scheint in unserem Land, bei den meisten unserer Zeitgenossen keine Rolle mehr zu spielen. Viele denken, dass sie allein ihres „Glückes Schmied“ sind. Der Gedanke an Gott erscheint ihnen lächerlich. Das macht mich traurig, weil ich weiß, dass darauf kein Segen liegt. Auch deswegen denke ich gerne an den Mauerfall, an „Deutschland, mein Wunder!“. Damit ich nicht vergesse, wie großartig mein Gott ist! Sollte seine Gnade und Kraft etwa zu klein sein, um auch dich wieder aufzurichten, herzustellen und stark zu machen?

„Ich danke dem HERRN von ganzem Herzen und erzähle alle deine Wunder.“ (Psalm 9, 2)


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Berlin, 04. November 1989

Zur Vertiefung

  1. Was denkst du grundsätzlich über Wunder?
  2. Wie wirkt Gott in der Geschichte? Welche geschichtlichen Ereignisse haben dich am meisten bewegt?
  3. Was hast du persönlich mit Gott erlebt? An welchen Punkten in deinen Leben hat er aus deiner Sicht eingegriffen? Hast du schon einmal jemandem davon erzählt?
  4. Wie zeigst du Gott deine Dankbarkeit?

1 Sozialistische Einheitspartei Deutschland
2 Deutsche Demokratische Republik

Bibelverse zitiert aus: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

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Eine Antwort

  1. Bibelleser sagt:

    24.02.2020
    Deutschland, mein Wunder! Woran ich immer wieder gerne denke …
    Heute möchte ich EUCH ein Geschenk zu MEINEM Geburtstag machen: Eine nostalgische und emotionale Erinnerung an einen besonderen Augenblick! Die Historie in dieser Story ist allerdings angesichts der Ereignisse der letzten Tage in gewisser Weise auch wieder brandaktuell!

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