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Lesezeit: 6 Minuten

Die Geschichte dieses Typen steht für eine unendliche Kette von falschen Entscheidungen …

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„Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.“ (Galater 6, 7)

Eine der faszinierendsten Persönlichkeiten des neuen Testaments ist Judas. „Wie bitte? Der? Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein?“, magst du jetzt ausrufen. Doch, doch, Judas Iskariot, genau den meine ich. Und gerne will ich dir kurz schildern, wie ich darauf komme und warum mich seine Person und Geschichte irgendwie anzieht.

Nah dran

Judas Iskariot gehörte zu den 12, also zu dem engsten Kreis der Jünger Jesu. Der Evangelist Matthäus erwähnte ihn in seiner Aufzählung als letzten. Und verpasste ihm mit seiner kurzen Bemerkung direkt das „Label“, das Judas besonders auszeichnet. Er ist der, der Jesus verriet!1 Mit dieser äußerst knappen Einführung macht Matthäus das Spannungsfeld, das diesen Mann umgibt, direkt klar. Judas war Jünger und Verräter Jesu Christi.

Ungelöste Fragen

Seit dem Auftreten dieses Mannes haben sich wahrscheinlich unzählige Menschen – Wissenschaftler, Theologen, Pastoren und einfache Leute, Christen und Nicht-Christen – den Kopf zermartert und sich gefragt: „Wie konnte das nur passieren?“

Und damit meinten sie natürlich ein ganzes Bündel von Fragen, die diese schillernde und geheimnisvolle Gestalt betreffen und insbesondere nach Erklärungen dafür suchen, wieso sich der persönliche Lebensweg von Judas in dieser Weise entwickelte und ihn schließlich zu Verrat und dann in den Selbstmord führte.

Ich meine, wie kann das denn sein? Da lebt einer mehrere Jahre mit Jesus, folgt ihm nach, zieht mit ihm durch das Land, hört ihn, sieht die Wunder, die vielen Krankenheilungen und anderen Zeichen, die Jesus als Messias und als den Gottessohn ausweisen und spielt ihn dann für Geld seinen Feinden mit einem Kuss in die Hände! Das gibt’s doch gar nicht! Das kann doch einfach nicht wahr sein, oder?

Nur eine Rolle

Wahrscheinlich gibt es für diese Fragen letztlich keine ganz eindeutigen und befriedigenden Antworten. Aber das macht es, finde ich, deshalb auch irgendwie spannend und, zumindest für mich, faszinierend.

Wenn ich nun hier so darüber schreibe, möchte ich auch nicht das Thema diskutieren, welche Freiheitsgrade Judas überhaupt in dieser Sache hatte oder ob es einfach sein Schicksal war und er quasi gezwungendermaßen diese geschichtsträchtige Rolle auszufüllen und zu spielen hatte.

Unsichtbarer Begleiter

Vielmehr ist es so, dass ich vor einigen Tagen den folgenden Teilsatz gelesen habe, der mich seitdem immer wieder beschäftigt hat:

„Als Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass er zum Tode verurteilt war, reute es ihn …“ (Matthäus 27, 3)

Insbesondere waren es die drei Worte „reute es ihn“, die mich nicht losgelassen haben.

„Aha“, dachte ich, „Judas war also doch nicht ein völlig gewissenloser Kerl.“ Und es wurde mir erneut bewusst, wie Gott uns als Menschen unter anderem dadurch besonders gemacht hat, indem er uns mit diesem „inneren Wächter“ ausgestattet hat. Mit dieser Stimme, die sich – manchmal völlig unerwartet – aus dem Unterbewusstsein heraus meldet, um uns zu warnen, zu ermahnen, zu peinigen oder zu verurteilen und die wir landläufig „Gewissen“ nennen.

Gott hat jedem Menschen seine Anweisungen und seinen moralischen Maßstab mitgegeben, deren sich das Gewissen bedient, um unsere Gedanken, Motive, unser Reden und Handeln daran zu messen und uns das Ergebnis dieses Bewertungsprozesses vor Augen zu führen. Dieser „Schiedsrichter“ läuft automatisch im Hintergrund und Unterbewusstsein mit und meldet sich – ob wir es wollen oder nicht – bei Bedarf, um uns grüne, gelbe oder rote Karten zu zeigen.

Paulus drückt dies im Brief an die Römer wie folgt aus: „Sie beweisen damit, dass des Gesetzes Werk in ihr Herz geschrieben ist; ihr Gewissen bezeugt es ihnen, dazu auch die Gedanken, die einander anklagen oder auch entschuldigen“ (Römer 2, 15).

Damit macht er klar, dass selbst diejenigen, die noch nie etwas von dem lebendigen Gott und seinem Sohn Jesus Christus gehört haben, keine Entschuldigung dafür haben, wenn sie Gottes Gesetze missachten und sündigen. So werden schließlich alle Sünder – ob sie nun das Gesetz in Schriftform zur Verfügung haben oder nicht – verurteilt und gehen verloren.2

Angeboren …

Natürlich sind wir auch in diesem Punkt sehr individuell. Das Gewissen ist bei jedem unterschiedlich stark ausgeprägt, das heißt jeweils mehr oder weniger empfindsam und sensibel. Das bekommen wir so mit in die Wiege gelegt. Bei dem einen genügen schon kleine Anlässe und er fühlt sich schlecht. Bei anderen braucht es hingegen größere Vergehen, bis sich sein Gewissen auch nur leicht regt.

… beeinflussbar …

Dennoch ist es aber auch so, dass sich unsere Art und Weise, wie wir mit unserem Gewissen umgehen, darauf entsprechend auswirkt. Durch einen sorgsamen Umgang damit, können wir unser Gewissen pflegen und schärfen, sodass es uns im Bedarfsfall schnell und zuverlässig zu Diensten ist und uns vor unbedachten Worten und falschen Handlungen bewahrt. Wenn wir es jedoch wiederholt übergehen, verdrängen oder durch unser Verhalten mit Füßen treten, wird seine Stimme immer leiser und es meldet sich immer weniger bis es beinahe völlig verstummt und sich nur noch bei extremen Anlässen zurückmeldet.

In dieser Hinsicht ist Judas wahrscheinlich ein sehr prominentes Beispiel. Im neuen Testament finden wir Hinweise darauf, dass sein Lebenswandel alles andere als „lupenrein“ war. Das Vertrauen, das Jesus und die anderen Jünger in ihn setzten, war ganz offensichtlich nicht gerechtfertigt. Judas Iskariot verwaltete die gemeinsame Kasse. Er war jedoch so geldgierig, dass er sich regelmäßig daraus nach Bedarf für eigene Zwecke bediente und so seine Freunde bestahl. Die Bibel nennt ihn daher einen Dieb.3

Während sich bei einem ersten Fehlverhalten das Gewissen in der Regel mit Nachdruck meldet, können wir es durch gewohnheitsmäßiges, verwerfliches oder gemeines Handeln soweit unterdrücken, dass es sich kaum noch äußert.

Genauso muss es bei Judas gewesen sein. Ansonsten ist es wohl kaum zu erklären, dass der Teufel mit ihm letztlich leichtes Spiel hatte4 und Judas seinen heimtückischen Verrat so zielgerichtet und eiskalt umsetzten konnte. Sein Gewissen stand ihm bei seinem niederträchtigen Vorhaben jedenfalls anscheinend nicht im Wege.

… und dennoch unbestechlich

Von Natur aus ist das Gewissen jedoch – ob wir es nun sorgsam behandeln oder ihm Gewalt antun – bei uns allen vor allem eins: unbestechlich.

Auch das zeigte sich ganz offensichtlich im Falle des Judas Iskariot. Zwar meldete sich sein Gewissen sehr spät, nämlich erst in dem Augenblick, als er erfuhr, dass Jesus zum Tode verurteilt war, dann aber fuhr es ihm wohl gänzlich ungeschminkt und mit voller Wucht in die Parade. Und so kam es, dass er seinen Verrat bereute.

Reue

„Was nun?“, mag er sich dann gefragt haben. Und wie das so häufig bei uns Menschen ist, suchte er fieberhaft nach einer Möglichkeit, das Ganze ungeschehen zu machen oder zumindest zu „reparieren“, um sich wieder reinzuwaschen und die Stürme, die in seinem Inneren tobten, zu besänftigen.

Doch dafür war es selbstverständlich längst zu spät. Zu häufig hatte er seinen inneren Wächter verächtlich zur Seite gedrängt und sich selbst so seiner nützlichen „Frühwarnfunktion“ beraubt. Und nun war er eben selbst nur ein Mittel, ein Instrument und Opfer der arglistigen Hohenpriester und Ältesten seines Volkes geworden.

Wenn er meinte, das Geld zurückzubringen und ein Eingeständnis seiner Schuld würden genügen, so musste er schnell feststellen, dass er sich gründlich irrte. Die Ältesten schüttelten nur den Kopf. War das etwa ihr Problem? „Mach was du willst. Es geht uns nichts an!“5

Judas Iskariot war bei ihnen schlicht an der falschen Adresse. Er hatte ihnen Jesus in die Hände gespielt und sie würden es nun zu Ende bringen. Jesus musste endlich verschwinden – für immer.

Bild von falco auf Pixabay

… keine Buße

In diesem Moment muss für Judas alles zusammengebrochen sein. Jetzt gab es für ihn, so dachte er, keine Möglichkeit mehr etwas zu ändern und Jesus und somit sich selbst zu retten. Er hatte keinen Trumpf mehr in der Hand. Selbst das geliebte Geld konnte ihm jetzt nicht mehr helfen. Am Ende muss es jeder feststellen: Für Geld kann man eben doch nicht alles kaufen. Schon gar nicht ein ruhiges Gewissen und den inneren Frieden.

Also warf er die 30 Silberlinge in den Tempel und – weil er keinen Ausweg mehr sah – ging er hin und erhängte sich.6

Und damit wurde er auch ein tragisches Beispiel für eine weitere biblische Wahrheit: Reue ist nicht mit Buße gleichzusetzen. Nicht jeder, der bereut, findet zur Buße.

Was? Wie ist das zu verstehen? Buße bedeutet Umkehr. Umkehr zu Gott. Ein Sünder hält inne, erkennt seine Schuld, bereut, wendet sich ab von seinem falschen Weg, tritt an Gott heran, bekennt ihm seine Vergehen und bittet den HERRN um Vergebung. Das ist echte Buße.

Nur zu bereuen reicht nicht. Das konnte Judas nicht sehen. Und so ergriff er – anders als der „dritte Mann am Kreuz“ (vgl. den Artikel “Keine Chance?”)– nicht die Chance Frieden mit Jesus zu schließen und Gott um das Gnadengeschenk der Vergebung zu bitten.

Anstatt zu erkennen, dass allein in Jesus das Heil zu finden ist7, sah er für sich keine andere Möglichkeit als sich selbst das Leben zu nehmen. So wurde auch dieser letzte Schritt für ihn zu dem, was das Abwenden von Gott und hier konkret der Freitod eigentlich immer ist: keine Lösung, kein Weg in die Freiheit, keine Vergebung, keine ewige Erlösung, kein Frieden, sondern ein trauriger Fehler und fataler Irrtum mit Ewigkeitswirkung!

Achtung!

Für uns leuchtet daher das biblische Zeugnis über Judas Iskariot wie ein großes Warnschild. Er steht für eine unendliche Kette von falschen Entscheidungen, Egoismus, Falschheit, Treuebruch und Verrat, Niedertracht, für eine Reue, die viel zu spät kommt und in einer letzten – beinahe im Affekt getroffenen – falschen und tragischen Entscheidung in den bodenlosen Abgrund führt.

Ja, diese Geschichte ist faszinierend, gleichzeitig lässt sie uns aber auch erschaudern:

„Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.“ (Galater 6, 7)


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Hier findest Du weitere Storys und biblische Impulse aus unserem “Ostern-Spezial”:
Im Stich gelassen
Keine Chance?
Der Augenzeuge


Falls du das Thema vertiefen möchtest, sieh dir doch einfach mal den Beitrag “Mit Gott rechnen. Was “Buße” wirklich bedeutet.” an.

1 vgl. Matthäus 10, 4
2 vgl. Römer 2, 12
3 vgl. Johannes 12, 4 – 6
4 vgl. Johannes 13, 18 + 25 – 30
5 vgl. Matthäus 27, 3 f.
6 vgl. Matthäus 27, 5
7 vgl. Apostelgeschichte 4, 12

Bibelverse zitiert aus:
Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.


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Über den Autor:

Torsten Ratschat, gebo­ren 1967, ist leitender Angestell­ter in der Stahl­industrie. Er ist verhei­ratet und hat 3 erwach­sene Kinder.

„Gottes Plan beinhaltet, dass mit unbekannten Leuten an unwichtigen Plätzen zu belanglosen Zeiten etwas ganz Großartiges und Wunderbares geschieht.“

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Eine Antwort

  1. Günter Romer sagt:

    Was wäre die Geschichte von Jesus ohne Judas und seinen Verrat?

    Was wäre die Bundesrepublik ohne den Folgen des dritten Reiches?

    Was wäre die Kirche heute ohne ihrer vielen fast unzähligen Fehltritte bis in die heutige Zeit hinein?

    Ist Erlösung ohne Fehltritt, auch eines katastrophalen, überhaupt möglich?

    Ich glaube ja, wenn wir ehrlich Reue zeigen.

    Insofern ist Judas für mich genauso ein liebenswerter Mensch und ein Sohn Gottes wie Christus.

    Er hat sich, wenn ihn sein Verrat „reute“, trotz Selbstmord durch Erhängen unser Mitgefühl und Liebe verdient.

    Nur so können zukünftige Generationen mit ähnlichen Erfahrungen, Frieden finden und diesen Frieden an ihre Nachfahren weiter geben.

    Das glaube ich.

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