Der Augenzeuge

Lesezeit: 6 Minuten

Aus dem Nichts in die Hauptrolle. Manchmal passiert es und wir wissen, er ist da: der Moment, der uns bestimmt ist und allem einen Sinn gibt!

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Beiläufig

Die Person, um die es heute geht, ist besonders. Warum? Weil sie wichtig für eine ganz einmalige Situation ist. Gleichzeitig ist sie auch ausgesprochen rätselhaft. Wir wissen eigentlich nicht besonders viel von ihr. Das liegt auch daran, dass sie immer nur beiläufig erwähnt wird. Bis auf … Und das ist genau der Punkt. In dieser einen Story, dieser ganz herausragenden Begebenheit, tritt sie aus dem Schatten hervor und ist plötzlich mittendrin.

Wie du dir sicher denken kannst, schreibe ich hier nicht über eine Figur aus einem schönen Roman oder einer fiktiven Erzählung. Vielmehr wollen wir uns einen Menschen in den Blick nehmen, der tatsächlich gelebt hat, und – zu seiner Zeit zwar zunächst unscheinbar und unbedeutend – mit Recht noch heute zu den bemerkenswerten Persönlichkeiten der Geschichte gehört. Nicht weil er etwa außergewöhnliche Fähigkeiten hatte oder herausragende Leistungen erbracht hätte. Es waren auch nicht Einfluss, Reichtum, Weisheit oder Ruhm, die diesem Menschen – zwar nicht unmittelbar, aber dann doch über unzählige Generationen bis heute – die Aufmerksamkeit einbrachte, die ihm ohne Zweifel gebührt.

Plötzlich auf der Bühne

Wenn es das alles nicht war, magst du fragen, was war es denn dann, das dazu geführt hat, dass der Name dieser Person auch heute noch nicht nur Kennern und Gelehrten, sondern auch einfachen Leuten bekannt ist? Warum bloß tritt sie Jahr für Jahr mindestens einmal – prominent allerdings nur für diejenigen, die aufmerksam darauf achten – ins Rampenlicht und ist darüber hinaus Anlass für so manche, fast skandalöse Spekulation?

Wäre dieser spezielle Augenblick nicht so wahnsinnig spektakulär, würden wir sicherlich nicht so viel Aufhebens um sie machen. Aber schließlich war es tatsächlich DAS Ereignis, das jeden von uns, wären wir damals dabei gewesen, mit Sicherheit absolut vom Hocker gerissen hätte: Diese Person hatte als erste an diesem berühmten Ostermorgen den Auferstandenen gesehen!1 Und ihr Name war Maria Magdalena.

Bingo!

Bei manchen Geschichten denke ich: „Punktlandung!“ So auch hier. Bei Maria Magdalena kann man wirklich den Eindruck haben, dass ihr ganzes Leben genau auf diesen besonderen Augenblick zulief, in dem sie sich um Jesus trauernd, mit Tränen in den Augen, umdrehte und ihr genau dieser, von allen Totgeglaubte – zunächst allerdings nicht erkannt – quicklebendig gegenüberstand.2

Was meinst du – muss das, im Rückblick auf ihre für uns sehr lückenhafte Biografie, nicht das Größte, der Höhepunkt ihres gesamten Lebens gewesen sein?

Augenzeuge

Aber vielleicht ist dir ihre Geschichte gar nicht (mehr) so geläufig. Kein Problem, denn wie Maria Magdalena zur ersten Augenzeugin der Auferstehung Jesu Christi geworden ist, ist schnell erzählt.

Irgendwann in der kurzen Zeit seines öffentlichen Wirkens, begegnete Maria, die wohl aus dem Ort Magdala, am westlichen Ufer des See Genezareth stammte, Jesus.

Klar ist, dass sie damals in einem ganz beklagenswerten Zustand gewesen sein muss. Denn Lukas berichtete später von Frauen, die Jesus gesund gemacht hatte und unter ihnen war „Maria, genannt Magdalena, von der sieben Dämonen ausgefahren waren“.3

Die Tatsache, dass Maria Magdalena von insgesamt sieben bösen und unreinen Geistern beherrscht wurde, ist ein Hinweis darauf, wie gravierend schlecht es ihr zu diesem Zeitpunkt ging. Andere Beispiele von Besessenheit aus dem neuen Testament zeigen die unterschiedlichen und teilweise extremen körperlichen, geistigen und seelischen Auswirkungen bei den Opfern, die hieraus resultierten. Insofern war die wunderbare Heilung, die sie durch Jesus erfuhr, gleichzeitig auch eine Befreiung, die ihr ein normales Leben wieder möglich machte.

Darüber war sie so dankbar und berührt, dass Maria ab diesem Zeitpunkt Jesus als ihrem Herrn treu nachfolgte und ihm gemeinsam mit anderen Frauen mit ihren Gaben und ihrem Besitz diente.4

Kreuz und Grab

Nach dieser äußerst knappen Einführung von Maria Magdalena in die biblischen Geschichte, wird sie erst wieder namentlich bei der Kreuzigung auf dem Hügel Golgatha erwähnt, als sie diese gemeinsam mit anderen Frauen und Jüngern aus einiger Entfernung verfolgte.5

Als sie dann später beobachtete, wo Jesus bestattet wurde, war Maria eine der Frauen, die die Initiative ergriffen, wohlriechende Öle kauften und Salbe vorbereiteten, um Jesus die letzte Ehre zu erweisen.6

Bild von Jo-B auf Pixabay

Plötzlich Jesus!

Die Bedeutsamkeit der persönlichen Begegnung von Maria Magdalena mit Jesus vor dem leeren Grab darf keinesfalls unterschätzt werden. Schließlich widmete ihr der Evangelist Johannes einen ausführlichen und ganz bemerkenswerten Bericht, den du unbedingt lesen solltest.7

Maria war ganz früh, noch vor Sonnenaufgang, zur Grabstätte gekommen und hatte entsetzt festgestellt, dass der Stein vor der Grabhöhle weggerollt worden und der Leichnam Jesu nicht mehr da war. Sofort lief sie zu Petrus und Johannes, die gemeinsam mit ihr zum Grab gingen, um sich hiervon selbst ein Bild zu machen. Als sie alles genau untersucht hatten, gingen Petrus und Johannes jedoch wieder zurück zu den anderen Jüngern, während Maria weinend vor dem Grab zurückblieb. Als sie sich vorbeugte und ins Grab schaute, sah sie auf ein Mal zwei Engel und es kam zu einem kurzen Wortwechsel. Und dann, als sie sich wieder umdrehte, stand er plötzlich genau vor ihr: der auferstandene Jesus, den sie allerdings zunächst für den Gärtner hielt. Die Art und Weise, wie Jesus im folgenden Gespräch Maria mit ihrem Namen ansprach, öffnete ihr schließlich die Augen und sie erkannte ihn.

Und dann kam der vielleicht wichtigste Moment ihres Lebens, in dem Jesus ihr diesen einmaligen Auftrag erteilte: „Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ (Johannes 21, 18)

Und genau das machte Maria Magdalena dann. Doch die Jünger hielten es für Geschwätz, lehnten ihr Zeugnis ab und glaubten ihr nicht.8

Glaubwürdig?

Die Gewichtigkeit und der Stellenwert der Aussage eines Augenzeugen hängt nicht nur vom Inhalt des Berichtes, sondern natürlich auch von der Glaubwürdigkeit des Zeugen selbst ab. In einem wichtigen Gerichtsprozess wird beispielsweise die Persönlichkeit und der Lebenswandel des Augenzeugen vom Richter und den Geschworenen regelrecht „durchleuchtet“. Plötzlich werden Details aus der Biografie des Zeugen wichtig und für die Beurteilung des Wahrheitsgehaltes des Zeugnisses herangezogen, die eigentlich gar nichts mit dem aktuell vorliegenden Fall zu tun haben. Nicht selten geschieht es dann, dass sich ein Zeuge bei seiner Befragung und im Kreuzverhör plötzlich, zumindest „gefühlt“, selbst auf der Anklagebank wiederfindet und dort nach allen Regeln der Kunst „gegrillt“ wird.

Unglaublich

Wenn ich darüber nachdenke, kann ich verstehen, dass die Jünger den Tatsachenbericht der Maria in diesem Augenblick nicht annehmen konnten.

Ist doch klar: Das Ereignis selbst, die Auferstehung, war doch einfach unglaublich und überwältigend. Und Maria Magdalena, war sie etwa eine glaubwürdige Augenzeugin?

Zum einen galt eine Frau in der damaligen Zeit nicht viel. Sie hatte nichts zu sagen und ihre Meinung zählte nicht. Darüber hinaus: Maria war doch die, die früher von Dämonen besessen und nicht ganz bei Sinnen gewesen war. Konnte man sich bei so einer außergewöhnlichen Geschichte auf das verlassen, was sie gesehen haben wollte? Sollten sie ihr das wirklich abkaufen?

Mission impossible

Irgendwie war das also eine „Mission impossible“ für Maria Magdalena, ein Auftrag, dessen Erfolgsaussicht, wenn man es genau betrachtet, nicht besonders hoch war.

Und so gelang ihr bei den Jüngern tatsächlich kein Volltreffer. Ihre Botschaft drang nicht durch. Heißt das also, dass sie gescheitert ist und ihr Einsatz nichts gebracht hat?

Keinesfalls! Denn: Kam es wirklich darauf an? Nein, dafür, wie ihre Nachricht von den Jüngern aufgenommen wurde und wie sie darauf reagierten, war sie nicht verantwortlich.

Maria hatte eine Botschaft von Jesus, ihrem HERRN, zu überbringen. Und das hatte sie erledigt. Darin war sie gehorsam, treu und zuverlässig.

Was nimmst du mit?

Maria Magdalena ist für uns alle zu einem großen Vorbild geworden. Sie gehörte nicht zu denen, wie z.B. Petrus und Johannes, die häufig im Mittelpunkt des Geschehens rund um Jesus standen. Sie war da eher – nach menschlichen Maßstäben – ein kleines und unscheinbares Lichtlein, ein unbeschriebenes Blatt. Aber nicht so aus Gottes Perspektive. Ganz und gar nicht!

Sie war eine der ganz Großen im Reich Gottes. Im Helfen und Dienen und in Bezug auf etwas ganz Entscheidendes: In der Liebe und Treue zu Jesus.

In der Beschäftigung mit dieser Geschichte sind mir genau diese zwei Dinge wichtig geworden, die ich dir jetzt mitgeben möchte:

  1. Lass uns die Kleinen und Unbedeutenden, die vermeintlichen Nebendarsteller im Reich Gottes nicht verachten. Niemals!
    Und:
  2. Lass dich ermutigen und anstacheln zu dieser Liebe und Treue zu Jesus. Bis zum Ende!

Dafür wünsche ich dir das Herz, den Glauben und den Mut, den diese besondere und rätselhafte Frau aus Magdala zweifellos besaß.


1 vgl. Markus 16, 9
2 vgl. Johannes 20, 14 ff.
3 Lukas 8, 2
4 vgl. Lukas 8, 3
5 vgl. Matthäus 27, 55 f.; Markus 15, 40 f.; Lukas 23, 49; Johannes 19, 25 ff.
6 vgl. Markus 16, 1; Lukas 23, 55 f. + 24, 1
7 vgl. Johannes 20, 1- 18 (besonders Verse 11 – 18)
8 vgl. Johannes 20, 18, Markus 16, 10 f. und Lukas 24, 9 ff.

Bibelverse zitiert aus:
Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart


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Über den Autor:

Torsten Ratschat, gebo­ren 1967, ist leitender Angestell­ter in der Stahl­industrie. Er ist verhei­ratet und hat 3 erwach­sene Kinder.

„Gottes Plan beinhaltet, dass mit unbekannten Leuten an unwichtigen Plätzen zu belanglosen Zeiten etwas ganz Großartiges und Wunderbares geschieht.“

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Eine Antwort

  1. Günter Romer sagt:

    Nicht jeder/m mutet das Leben eine so faszinierende Rolle zu, die in die Geschichte eingeht. Was wäre die Lebens- u. Leidensgeschichte von Jesus ohne Judas Ischariot? Wäre sie vollendet? Brauchen wir also auch reuige Verräter, Diebe und Verbrecher die uns die Augen öffnen.

    Es gibt so viele Menschen, die im Stillen wirken, Großes vollbringen, im Stillen leiden, deren Leben aber nicht in die Geschichte eingeht.

    Alle diese Menschen könnten sich benachteiligt fühlen, weil sie nicht auf die Bühne ins Rampenlicht gehoben werden.

    Leider finden die einfachen, braven und treuen Menschen oftmals zu wenig Beachtung, oder manchmal erst nach ihrem Tod.

    Für wen hat die unglaubliche Lebensgeschichte von Maria-Magdalena eine tiefere Bedeutung?

    Können wir so eine Bestimmung machen? Nein?

    Allenfalls mit unserer eigenen, oft bescheidenen Lebensrolle zufrieden sein.

    Wie gelingt das?

    Frieden mit unserer eigenen Lebensrolle zu finden ist und bleibt eine lebenslange, riesige Aufgabe. Dazu müssen wir unsere Schattenseiten annehmen. Hierzu bedarf es eines Erlösers, der uns die Augen öffnet und von Dämonen befreit. Nicht nur Christus, auch ein reuiger Sünder, der mit seinem Gewissen in Berührung kommt, kann dazu beitragen.

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