Hilflos

Lesezeit: 5 Minuten

„Jedermann sucht dich.“ (Markus 1, 37)

Einfach nur traurig

Hilflos – im Moment gibt es kaum ein Wort, das die Situation und die Stimmungslage vieler Menschen besser beschreiben könnte.

Da ist der ältere Mann, der trotz guter körperlicher Verfassung und Booster-Impfung auf der Intensivstation liegt. Angeschlossen an eine Reihe von Geräten und Apparaturen. Jeder Atemzug kostet ihn unendlich viel Kraft und in seinen wenigen wachen Momenten kann er kaum einen klaren Gedanken fassen. So vollgestopft ist er mit Medikamenten. Seine Frau und Kinder dürfen ihn nicht besuchen. Und das schon seit mehr als vierzehn Tage. Wie sie alle sich dabei wohl fühlen?

Hilflos – da ist die junge hübsche Frau mit den zwei kleinen Kindern, die sich nach einer dramatischen Flucht aus einer kleinen, umkämpften Stadt aus der Ostukraine in einem fremden Land wiederfindet. Die Leute sind nett und hilfsbereit. Sie hat für sich und die Kinder eine Bleibe bekommen, ein Dach über dem Kopf, Verpflegung und das Nötigste. Dafür ist sie sehr dankbar. Aber nachts findet sie kaum Schlaf. Bei dem kleinsten Geräusch schreckt sie oder eines ihrer Kinder hoch. Und was soll sie ihren traumatisierten Kindern bloß sagen, wo der Papa jetzt ist?

Hilflos – der Papa kniet gerade tief hinter einem Mauervorsprung. Es ist kalt und er sieht müde aus. Schwarze Ringe unter den Augen. Er zittert. Nicht nur wegen der Kälte. Die Uniform passt nicht so richtig zu ihm. In seinen beiden Händen hält er ein Sturmgewehr. Kaum zu glauben, dass er bis vor einigen Wochen noch nie eine Waffe abgeschossen hat. Höchstens mal ein Luftgewehr an einem Schießstand auf dem Rummelplatz. Gleich wird es wieder losgehen – das Artilleriefeuer der Angreifer. Minuten werden dann zu Stunden. Und wenn das vorbei ist, wird es einen Moment ganz still werden. Totenstill. Das wird der furchtbarste Augenblick sein. Und danach werden sie wieder kommen und versuchen durchzubrechen. Er schaut nach links und nach rechts. Da hocken ein paar Meter weiter seine Kameraden. Mit drei oder vier von ihnen ist er zusammen zur Schule gegangen. Wie es wohl seiner Frau und den Kindern geht? Nicht nur der Akku seines Handys ist schon lange leer.

Hilflos – da ist die alte Frau, die seit Tagen mit vielen anderen in einem Keller eines großen Wohnblocks ausharrt. Es herrscht Ausgangssperre. Aber es kann sowieso keiner raus. Das ist viel zu gefährlich. Seit Tagen wird die Stadt bombardiert. Besonders nachts. Strom und Heizung funktionieren nicht mehr. Und auch Wasser und Lebensmittel gibt es kaum noch.

Schrecklich, was gerade so los ist in der Welt! Nein zu ungenau, nicht irgendwo, sondern direkt vor unserer Haustür! In Europa, im Frühjahr 2022.

Ach, wie schön

Zeitsprung. Etwa 2000 Jahre zurück. Jesus ist mit seinen Jüngern in Kapernaum, einem Ort am Ufer des Sees Genezaret. Vor ein paar Stunden hatte er noch in der Synagoge gesprochen. Und die Leute waren beeindruckt und ganz erstaunt über seine Lehre gewesen. Aber Jesus hatte noch einen oben drauf gelegt. Vor ihren Augen hatte er einen bösen Geist aus einem Menschen ausgetrieben. Die Nachricht davon verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Ort.

Und jetzt, die Sonne ist gerade untergegangen, strömen die Menschen von allen Seiten dahin, wo sich Jesus und seine Jünger gerade aufhalten. Sie bringen diejenigen zu ihm, denen ansonsten keiner mehr helfen kann: Kranke und Besessene. Und was macht Jesus? Er heilt sie alle!1 Die Leute sind erstaunt, sie freuen sich, besonders die Geheilten. Begeisterung und Jubel brechen sich Bahn. Was ist Jesus doch für ein erstaunlicher Wunderheiler! Immer mehr Kranke werden gebracht und geheilt. Die Stimmung wird euphorisch und überschwänglich. Jesus nimmt sich Zeit für jeden Einzelnen und ist bis tief in die Nacht hinein damit beschäftigt sich um die Bedürftigen zu kümmern. Danach zieht er sich zurück, hinaus an eine einsame Stelle, um zu beten …

Ach, wie schön wäre es doch, wenn Jesus heute hier wäre und wir das auch erleben könnten! In unseren Krankenhäusern, bei den Flüchtlingen und Vertriebenen, bei denen, die verzweifelt für ihre Heimat und um ihr Leben kämpfen, und bei denen, die in der Falle sitzen und sich voller Angst in dunklen und tiefen Kellern verstecken müssen. Jesus würde dann sicher all dieses Leid lindern, das so viele Menschen bedrückt. Diese ganze Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit! Wenn Jesus jetzt hier wäre, das wäre wohl was!

Nichts kapiert

… Jesus hat schon eine ganze Zeit lang gebetet. Da finden ihn seine Jünger. Sie sind ganz aufgeregt. „Jesus, es hat sich überall herumgesprochen, was du getan hast. Es sind inzwischen noch viel mehr Leute gekommen, die deine Hilfe brauchen. Sie kommen von überall her, um dich zu sehen. Komm doch schnell! Alle suchen dich!“ Doch Jesus wehrt das ab; das passt ihm gar nicht. „Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.“2

Ist das nicht unglaublich? Da sind doch noch so viele Kranke voller Hoffnung auf Heilung gekommen! Und Jesus will die Bedürftigen einfach links liegen lassen und weiterziehen? Seine Jünger sind ganz irritiert …

Viele haben Jesus nicht verstanden. Damals und heute nicht. Sie haben sich ein Bild von ihm gemacht, das sie aus ihren Bedürfnissen, Nöten, Wünschen und Träumen heraus entwickelt haben. Aber dem entspricht Jesus einfach nicht! Ja, Jesus hat viele Menschen geheilt und so manches Wunder vollbracht. Das stimmt. Doch das war für ihn nie die Mitte seines Wirkens. Wenn wir Jesus also auf den Wundertäter und -heiler reduzieren, dann greifen wir zu kurz.

Frieden

Sein Auftrag und sein Ziel gehen weit darüber hinaus! Es geht ihm nicht nur um körperliche Gesundheit und seelische Unversehrtheit. Nein, nein, seine Mission ist noch wichtiger als das. Er soll Frieden verkündigen. Die gute Nachricht von dem Frieden mit dem, der uns alle geschaffen hat. Uns von diesem Frieden mit Gott zu erzählen, ihn anzubieten und ihn letztlich auch zu geben, darum ist Jesus in diese Welt gekommen.

Er ist der Einzige, durch den wir Frieden mit Gott bekommen können. Warum? Weil er der Sohn Gottes ist. Nur er kann für uns die Brücke zu Gott schlagen, die trägt. Ohne Jesus gehen wir verloren. Für alle Ewigkeit. Das wäre schlimm, viel schlimmer als all das Leiden und die Schmerzen, die wir je in diesem Leben erleiden könnten.

Jesus hat immer wieder gezeigt, dass er gerne die Menschen von ihren Krankheiten heilt. Daran gibt es keinen Zweifel. Davon lesen wir in der Bibel. Aber an dieser Stelle macht Jesus seinen Jüngern klar, dass es noch etwas viel Wichtigeres für ihn zu tun gibt und er sich deswegen leider jetzt nicht wieder um die ganzen kranken Menschen kümmern kann, die ihn suchen. Kannst du das fassen? Ich nicht wirklich. Das finde ich irgendwie traurig und tragisch.

Trotzdem, genau so ist es: Frieden mit Gott zu verkündigen und zu schaffen hat für Jesus Priorität. Weil wir völlig hilflos sind und diesen Frieden mit Gott unbedingt brauchen. Jesus kann uns eine Hoffnung geben, die uns hilft über das trostlose Heute und Morgen hinwegzukommen. Er lädt uns ein ihm zuzuhören und ihm zu vertrauen. Können und wollen wir das? Was, wenn er sich tatsächlich nicht sofort um das kümmert, was für uns das Naheliegende wäre und uns gerade am meisten belastet? Wenn er sich um die Krankheit, die Schmerzen, das Leid nicht kümmert und es einfach dalässt? Hätten wir dann noch Interesse an ihm? Würden wir uns dann noch auf den Weg machen ihm zu begegnen? Kurz gesagt: Würde Glauben für uns dann noch Sinn machen?

Nein, nein, Jesus ist kein Wunschautomat oder ein Wunderheiler, der nur an der Oberfläche herumdoktort, damit alles von außen wieder schön wird während in der Tiefe das größte Problem unbehandelt bleibt.

Auch wenn wir das alles (noch) nicht verstehen können: Es wäre schön, wenn es auch von uns in Bezug auf Jesus heißen würde: „Jedermann sucht dich!“

Eines ist dabei ganz sicher. Wenn es dir um den Frieden mit Gott geht, dann wird er sich auf jeden Fall von dir finden lassen.3 Willst du dich nicht auf den Weg machen und ihn genau darum bitten?


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1 vgl. Matthäus 8, 16 und Lukas 4, 40
2 Markus 1, 38
3 vgl. Lukas 11, 9

Bibelverse zitiert aus:
Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Die Verwendung des Textes erfolgt mit Genehmigung der Deutschen Bibelgesellschaft.


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Über den Autor:

Torsten Ratschat, gebo­ren 1967, ist leitender Angestell­ter in der Stahl­industrie. Er ist verhei­ratet und hat 3 erwach­sene Kinder.

„Gott ist immer für Überraschungen gut – in positivem Sinne – ER macht Unmögliches möglich!”

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